1965-2015
„Neu, klangschön und gediegen“
Nach Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg und notdürftiger Instandsetzung wurde Ende der 1950-er Jahre klar, dass mit großen Teilen des vorhandenen Materials dauerhaft keine zuverlässige Orgelanlage mehr instand gehalten werden konnte. Hinzu kam, dass man sich im Orgelbau zu jener Zeit wieder an einem barocken Klangideal orientierte und mechanische Schleifladenorgeln konstruiert wurden. Domorganist Carl Winter setzte sich sehr für einen Neubau von vier vollwertigen Instrumenten ein, die wiederum über einen zentralen Spieltisch elektrisch anspielbar gemacht sein sollten. Im Rahmen eines Gutachtens äußerte sich 1958 der damals sehr angesehene Inhaber der dänischen Orgelbaufirma Marcussen und gewissermaßen Pionier in der Rückkehr zum mechanischen Orgelbau, Sybrand Zachariassen, kritisch über die Freiburger Münsterorgel: »Leider ist die technische und klangliche Qualität der Orgeln zum weitaus grössten Teil doch so gering, dass sie in keinem Verhältnis zu der großzügigen Anlage steht. Die in meinem kurzgehaltenen Gutachten geübte Kritik möchte ich abschließend in die Worte zusammenfassen, dass die Orgeln dem wunderbaren Kirchenraum unwürdig sind und durch neue, klangschöne und gediegene Orgeln ersetzt werden müssen.«
Offensichtlich ist es Domorganist Winter gelungen, die Verantwortlichen von der Notwendigkeit eines Neubaus von nicht weniger als vier Orgeln zu überzeugen. Die Stadt Freiburg beteiligte sich durch Übernahme der Kosten für die Langschifforgel. Man hat zunächst folgende Verträge geschlossen: Die Chororgel sollte von Rieger-Orgelbau aus Schwarzach in Vorarlberg erbaut werden, die Langschifforgel von Marcussen aus Apenrade (Dänemark), die Hauptorgel und die Michaelsorgel auf der Westempore von der damals in Ennetach ansässigen Firma Gebrüder Späth Orgelbau, die eine Zweigstelle in Freiburg unterhielt. Analysen der Raumakustik begleiteten die Planungen, um nicht wie 1929 ein unbefriedigendes Ergebnis zu erzielen, welches kurze Zeit später wieder revidiert werden muss. Im Verlauf der Auftragsvergaben hob man den Vertrag für die Hauptorgel jedoch noch einmal auf und vergab den Auftrag ebenso an Rieger-Orgelbau, deren junges und innovatives Team unter der Leitung von Josef von Glatter-Götz sich ganz dem Bau mechanischer Schleifladenorgeln gewidmet hatte.
Während die Konzeption und die Umsetzung der Langschifforgel als mechanische Schleifladenorgel, die zusätzlich im Hauptwerk und Pedal elektrisch über eine Doppeltraktur gespielt werden kann, relativ unproblematisch verliefen, ergaben sich mit der Firma Rieger größere Diskussionen. Bis zuletzt setzen sich Josef von Glatter-Götz und sein Team entschieden für eine mechanische Spieltraktur und für eine günstige Klangabstrahlung der Hauptorgel und der Chororgel ein. Die Chororgel wurde daher nicht, wie zunächst geplant, an ihren angestammten Platz auf der Empore im ersten Joch auf der Südseite gestellt, sondern auf die Gegenseite, vorgezogen direkt über das Chorgestühl. Während Rieger von Anfang an mechanische Schleifladen für die Chororgel einplante und ein mechanischer Spieltisch ins Chorgestühl eingebaut werden sollte, lehnten Domkapitel und Erzbischof die mechanische Traktur mit dem Verweis auf die dann zu geringe Anzahl an Sitzen schlussendlich nach vielen Briefwechseln und Gesprächen ab. Die Chororgel wurde daher nur vom Hauptspieltisch aus elektrisch spielbar gemacht.
Für die Hauptorgel ergab sich hinsichtlich der Gestaltung und Klangentfaltung eine besondere Herausforderung. War sie zunächst von Domorganist Winter auf der Nordempore wie ihre Vorgängerin mit rein elektrischer Traktur geplant, suchte man bald nach einem alternativen Standort, um eine bessere Klangabstrahlung in das Hauptschiff zu erreichen. Nun wurde zudem eine mechanische Traktur erwogen. Die Firma Rieger plante unter anderem einen freistehenden Orgelturm auf dem Kirchenboden und eine auf einer Brücke zwischen Langschiff und Querhaus installierte Anlage mit zwei Prospekten. Beide Versionen waren auch wegen des Einspruchs der Denkmalpflege nicht zu realisieren. Der Orgelkonstrukteur Jakob Schmidt brachte den Durchbruch: Sein Plan der an der Ostwand des nördlichen Querhauses angebrachten Hauptorgel ist in den Jahren seit seiner Realisierung vielfach bewundert worden. In dieses vergleichsweise schlanke Gehäuse sind, verteilt auf vier Manualwerke und das Pedalwerk, insgesamt 61 klingende Register und eine mechanische Spielanlage untergebracht. Die Firma Rieger hätte lieber auf einige Register zugunsten der Zugänglichkeit und Klangentfaltung verzichtet, doch war bereits der elektrische Hauptspieltisch mit der ursprünglichen Disposition fertiggestellt. Josef von Glatter-Götz beschreibt den Kompromiß in einem Werbeprospekt der Firma Rieger wie folgt: »Da wir die einzigartige Glaskunst der Nordwand weder verbauen noch umbauen wollten, wichen wir nach rechts aus. Hier mussten wir der Brüstung ausweichen, die Gemeinde ansprechen durch Schwenken der Gehäusewände um 30°, den Organisten mitten in seine Musik setzen und 61 Stimmen ansehnlich, zugänglich und wirksam unterbringen. 40 Stimmen wären ansehnlicher, zugänglicher und wirksamer gewesen, aber es ist immer leicht, nach der Predigt weise zu sein.« Während die Reaktionen auf das Gehäuse der Marienorgel anfänglich sehr kontrovers waren, wird die Orgel heute nicht mehr als Fremdkörper wahrgenommen, sondern als bedeutendes Zeugnis ihrer Zeit geachtet und bewundert.
In den folgenden Jahren nach der Einweihung der vier Orgeln 1965 ist wenig an den Instrumenten verändert worden. Dennoch hat man versucht, der Marienorgel durch Aufrückungen einzelner Register mehr Grundtönigkeit zu geben. Hierzu wurde unter anderem auch 1978 das gesamte Register Kontrafagott 32' in einer anderen Mensur neu gefertigt und die 12 tiefsten Töne auf einer Zusatzlade außerhalb der Marienorgel aufgestellt. Die Schalmei 8’ im Positiv wich 1990 einem Cromorne 8’. Auf Initiative von Domorganist Ludwig Doerr wurde Mitte der 1980er Jahre das Rückpositiv der Langschifforgel elektrifiziert und an den Hauptspieltisch angeschlossen. Ein durch ihn projektiertes Bombardenwerk an der Michaelsorgel mit 10 Registern und einem Untersatz 32’ wurde aus Kostengründen nie umgesetzt. Nach langen Planungen ab 1978 wurde schließlich 1987 ein neuer unauffälligerer Hauptspieltisch mit größerer Setzeranlage erbaut – in diesem Zusammenhang erfolgte auch die Überarbeitung eines Teiles der Elektrik, die die Orgeln miteinander verbindet. Aufgrund der aus liturgischen Gründen erforderlichen Umgestaltung des unteren Chores wurde die Chororgel 1990 unter kleineren Veränderungen der Disposition in ein neues Gehäuse auf die gegenüberliegende Empore eingebaut. Sie erhielt neue Windladen und wurde klanglich vollständig überarbeitet. Seither war sie akustisch weniger präsent und im Raum eher als »Fernwerk« wahrzunehmen.
2001 erfolgte unter Domorganist Klemens Schnorr eine grundlegende Ausreinigung und technische Instandsetzung der Marienorgel. Hierbei wurden wenige Register zugunsten von Streicherstimmen ausgetauscht und Mixturenchöre reduziert, um klangliche Verbesserungen für die Gesamtanlage zu erreichen. Ein Untersatz 32' wurde der Orgelanlage hinzugefügt. Ebenso erfolgten eine Neuintonation durch den bekannten Intonateur Beat Grenacher aus Luzern und der Einbau eines Glockenspiels.
2008 wurde dann die Michaelsorgel in der Turmkapelle durch einen Neubau der Firma Metzler-Orgelbau aus der Schweiz ersetzt. Die vorherige Orgel hatte an der Kombination aus einer engen Mensurierung der Pfeifen, einem nicht optimalen Aufstellungsort und einer zunehmenden technischen Unzuverlässigkeit und mangelnder Präzision der elektrischen Traktur gelitten. So nutzte man die Gunst der Stunde, dort oben ein wiederum ein eigenständiges Instrument mit mechanischer Traktur zu erbauen und gleichzeitig wichtige Klangfarben zu ergänzen, die für ein breiteres Spektrum an Orgelliteratur notwendig sind. Insbesondere hat dieser Orgelbau bessere Voraussetzungen zur Interpretation romantischer Orgelmusik geschaffen. Herausfordernd war die Intonation der Orgel, die ganz auf den großen Kirchenraum ausgerichtet werden musste. Der Orgelneubau umfasste auch die Einbeziehung eines englischen Orgelregisters, einer Tuba magna auf Hochdruck, erbaut durch die Londoner Firma Mander Organs. Vollständig neu gebaut werden musste bei diesen Maßnahmen auch die elektrische Spieltechnik, die auf ein BUS System umgestellt wurde.
2010 erfolgte die umfassende Sanierung der Langschifforgel ebenso durch Metzler-Orgelbau. Die gesamte Orgelanlage ist damit insgesamt gesehen auch im besten Sinne ein »europäisches Konstrukt«, da Firmen aus Deutschland, Dänemark, Österreich, England und der Schweiz mit ihren jeweils eigenen Traditionen an ihr gebaut haben.
Nachdem mit dem Neubau des Hauptspieltischs im Jahr 2013 in der Amtszeit von Domorganist Gerhard Gnann auch die technischen Voraussetzungen für eine moderne, visionäre und zuverlässige Anlage geschaffen wurden, können die Münsterorgeln auf eine glanzvolle Zeit der letzten 50 Jahre zurückblicken. Der ungebremste Zustrom an Besuchern der Orgelkonzerte belegt dies eindrucksvoll. Doch vieles ist in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch zu tun, damit unsere vier Orgeln weiterhin »neu, klangschön und gediegen« (Sybrand Zachariassen) bleiben.
Jan Kühle



